Neue Ufer der elektronischen Interaktion

Neue Ufer der elektronischen Interaktion

Im Sommersemester 1995 fand an der Johann Wolfgang Goethe Universität die öffentliche Vortragsserie ,,Neue Ufer der elektronischen Interaktion`` (Programm) statt. Sie wurde von der Deutschen Bank im Rahmen der Stiftungsgastprofessur ,,Wissenschaft und Gesellschaft`` finanziert und von den Fachbereichen Mathematik und Informatik organisiert. In sechs (englischsprachigen) Vorträgen befaßten sich international führende Experten mit wissenschaftlichen Aspekten, die dem Prozeß der Umwälzung zur Informationsgesellschaft, in dem wir uns befinden, zugrunde liegen. Ein breites Spektrum der Forschung im Bereich elektronische Interaktion und Kryptographie sollte damit einer breiten universitären und außeruniversitären Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Der Schwerpunkt der Vortragsreihe lag auf der Kryptographie. Folgerichtig trug im ersten Vortrag Adi Shamir vom Weizmann Institute in Rehovot, Israel, über ,,The Future of Cryptology`` vor. Adi Shamir gilt nicht nur als einer der brilliantesten Köpfe und exzellentesten Kenner der Kryptologie, sondern er ist auch ein begeisternder Redner, der es versteht, schwierige Sachverhalte einfach und amüsant zu vermitteln. In seinem Vortrag gab er den Zuhörern einen Überblick über die vergangene und gegenwärtige Entwicklung der Kryptologie, zeigte ihren Einfluß auf Politik und Gesellschaft auf und erläuterte die Grundprinzipien moderner kryptologischer Verfahren.

Michael O. Rabin von der Harvard University und der hebräischen Universität in Jerusalem referierte über ,,Gigabyte Networks, Terabyte Databases and Parallel Computing``. Im Vordergrund dieses Vortrages standen die technischen Entwicklungen in der Computer- und Telekommunikationstechnologie, sowie die erstaunlichen Vorteile des parallelen Rechnens. Michael O. Rabin ist einer der einflußreichsten und renommiertesten Informatiker unserer Zeit und hat so fundamentale Modelle wie die probabilistische Turingmaschine - eines Computers, der sich des Zufalls bedient - eingeführt. Für seine wissenschafliche Arbeit erhielt er bereits zahlreiche bedeutende Auszeichnungen.

Der Titel des dritten Vortrages war ,,Unstealable electronic Passwords`` und handelte von Zero-Knowledge-Authentikations-Verfahren. Silvio Micali vom MIT Cambridge machte dieses schwierige Thema auch den fachfremden Zuhörern verständlich. Er ist einer der weltweit führenden Komplexitätstheoretiker, der mit seiner Arbeit sogar den Begriff des mathematischen Beweises revolutioniert hat.

Über ein ganz ähnliches Thema sprach Shafi Goldwasser vom MIT Cambridge und der hebräischen Universität in Jerusalem. In ihrem Vortrag ,,Randomness and Computation`` stellte sie die von ihr - gemeinsam mit Silvio Micali - entwickelten Begriffe der interaktiven und probabilistisch prüfbaren Beweise vor. Für die Entwicklung dieser bahnbrechenden Modelle erhielten sie und Silvio Micali vor zwei Jahren den nach dem großen Logiker Kurt Gödel benannten Gödelpreis.

Andrew Odlyzko wählte ein weniger fachspezifisches Thema. Sein Vortrag hatte den Titel ,,Scholary Publishing at a Turning Point`` und handelte von den bevorstehenden Veränderungen im Fachpublikationswesen. So werden nach seinen Ausführungen schon bald elektronische Datenbanken in öffentlichen Datennetzen die gedruckten Fachzeitschriften fast vollständig verdrängt haben. Andrew Odlyzko von den Bell Laboratories und der University of Waterloo ist ein brillianter Mathematiker, der in vielen Bereichen der mathematischen Informatik tätig ist.

Der Vortrag ,,Quantum Physics in Cryptography`` von Claude Crépeau bildete den Abschluß der Reihe. Claude Crépeau von der École Normale Supérieure in Paris und der University of Montreal zeigte den Zuhörern auf ebenso spannende wie leicht verständliche Art auf, wie mit Hilfe der Prinzipien der Quantenmechanik völlig neue kryptographische Verfahren entwickelt werden können. Er ist einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf diesem noch jungen interdisziplinären Zweig der Kryptologie.

Durch die enorme fachliche Kompetenz und die faszinierenden Persönlichkeiten der Dozenten wurde diese Vortragsreihe zu einem großen Erfolg. Einziger Wermutstropfen war der geringe Anteil fachfremder Zuhörer - wollte sich die Vortragsreihe doch vorwiegend an die Öffentlichkeit und nicht nur an die Fachbereiche Mathematik und Informatik wenden.


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Johannes Merkle
Thu Mar 06 1997